Massenansturm auf Sparkasse: Kunden bangen um Geld, Gold und Schmuck

Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) – Die Diebe nutzten die Ruhe der Weihnachtstage. Sie bohrten ein riesiges Loch durch die Wand eines Büros – und landeten mitten im Tresorraum einer Sparkasse in Gelsenkirchen. Dann klauten sie alles aus den Schließfächern, was sie in die Finger bekamen, und türmten.
Der Verlust: dramatisch. Im geknackten Tresorraum der Bank befinden sich rund 3300 Schließfächer in unterschiedlichen Größen. Sie sind an insgesamt 2700 Kunden vermietet, einige verfügen über mehrere Fächer. Jedes Einzelne ist mit bis zu 10.300 Euro versichert. Rein rechnerisch könnte sich der Versicherungsschaden damit auf bis zu 33.990.000 Euro belaufen – falls alle Fächer geplündert wurden und entsprechend befüllt waren. So schätzen es auch die Ermittler.
Seit Tagen spricht Deutschland über den Mega-Coup zum Ende des Jahres. Und die Bankkunden? Sorgen sich um ihr Geld, ihre Ersparnisse, ihren Schmuck.
Das passierte vor den Sparkasse
Schon am frühen Dienstagmorgen versammelten sich erste mutmaßlich Geschädigte vor den Türen der Sparkasse am Robinienhof in Gelsenkirchen-Buer, in der Hoffnung auf Antworten. Vergeblich. Die Türen blieben verschlossen. Stattdessen rückte die Polizei an und forderte die Menschen auf, nach Hause zu gehen.
Um kurz nach 11 Uhr die Durchsage der Polizei: „Die Filiale wird heute nicht mehr geöffnet. Hier vor Ort erhalten sie heute keine Informationen. Sie können über das Onlineportal der Sparkasse Kontakt aufnehmen.“ Frustriert und wütend diskutieren die mutmaßlichen Geschädigten, einige nehmen bereits Kontakt zu Anwälten auf. Nur wenige Kunden gehen weg. Auch die Polizei bleibt vor Ort, um Eskalationen und Übergriffe auf die Bank zu verhindern.
Janny Steinhoff (80): „Früher war ich bei einer anderen Bank, durch einen Umzug habe ich seit 2019 ein Fach in Gelsenkirchen-Buer. Dort bewahre ich Schriftstücke und Bargeld auf. Ich habe es nicht zusätzlich zu der Versicherung der Bank versichert“
Was in der Bank vor sich geht
Seit etwa 8.30 Uhr läuft in der Sparkasse in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) eine Krisensitzung mehrerer Abteilungen. Sprecher André Szymczak sagte: „Dabei geht es jetzt vorrangig um das Prozedere der Kontaktaufnahme und das Aufarbeiten der Ereignisse. Mit den Kunden Kontakt aufzunehmen, hat jetzt Priorität. Auf jeden Fall werden wir auf alle Mieter der Schließfächer zukommen. Viele Menschen nehmen aber auch selbst über andere Zweigstellen, telefonisch oder per E-Mail Kontakt zu uns auf.“
Monika Zygmunt (65), Notarfachangestellte: „Seit mehr als 20 Jahren habe ich ein Schließfach, war zuletzt im Sommer am Fach. Darin habe ich vor allem Schriftstücke. Es ist ein kleines Fach für 38 Euro Jahresmiete.“
So gingen die Täter vor
Das Ausmaß des Einbruchs ist gewaltig. Laut Polizei wurden im Tresorraum sehr viele Schließfächer aufgebrochen. Die Einbrecher gingen professionell vor. Der Einstieg erfolgte offenbar über ein Parkhaus. Von dort aus arbeiteten sie sich durch mehrere Türen, gelangten in einen Archivraum und brachen schließlich durch eine Wand direkt in den Tresorraum. Dabei kam ein Spezialbohrer zum Einsatz.
Durch dieses Loch stiegen die Diebe in den Tresorraum, öffneten dort Schließfächer und klauten, was sie in die Finger bekamen
Als der Einbruch bekannt wurde, spielten sich dramatische Szenen ab. Am Montag strömten Hunderte besorgte Kunden zur Bank. Zeitweise standen rund 200 Menschen vor dem Gebäude. Die Polizei musste den Vorraum räumen und die Menge mit Lautsprecherdurchsagen beruhigen. Bei einigen Kunden flossen Tränen. Die Angst um jahrzehntelang Erspartes war greifbar.
Nach der Tat versammelten sich besorgte Kunden vor der Filiale in Buer. Sie alle bangen um ihr Hab und Gut, das sie in den Schließfächern aufbewahrt hatten
Was versichert ist und was nicht
Die Sparkasse verweist auf den Versicherungsschutz. Grundsätzlich sei jedes Schließfach mit 10.300 Euro versichert. Kunden konnten zusätzliche Summen absichern. Die Bank befindet sich nach eigenen Angaben bereits im Austausch mit der Versicherung und will die Betroffenen unterstützen, welche Unterlagen sie vorlegen müssen. Doch was genau ersetzt wird – und wie schnell – ist für viele noch unklar.
Entdeckt wurde der Einbruch in der Nacht zu Montag. Ein Brandmeldealarm hatte Feuerwehr und Polizei auf den Plan gerufen. Bei der Durchsuchung des Gebäudes stießen die Einsatzkräfte im Keller auf die Einbruchsspuren. Vom Täter oder den Tätern fehlt bislang jede Spur. Eine heiße Spur gibt es nicht. Die Polizei wertet Fahrzeugbewegungen aus und befragt Anwohner.
Viele Fragen bleiben offen. Wie hoch ist der Schaden wirklich? Wann genau schlugen die Täter zu? Die Ermittler gehen von den Weihnachtsfeiertagen oder dem anschließenden Wochenende aus. Da Banken den Inhalt der Schließfächer nicht kennen, müssen nun erst alle Betroffenen ermittelt und kontaktiert werden. Ein mühsamer Prozess.
Die Wiedereröffnung der Filiale soll nun zumindest eines bringen: einen Ort für Antworten. Doch die Nervosität bleibt. Und viele Kunden fragen sich weiterhin bang: Was ist noch da – und was für immer verloren?




