Nationalspieler spielte für AS: Vor Duell gegen Rom – Antonio Rüdiger traut dem VfB das Finale zu

Antonio Rüdiger wurde beim VfB groß, landete über Europa-League-Gegner Rom in Madrid. Im Exklusiv-Interview spricht der 32-Jährige über seine Vergangenheit.
VfB Stuttgart, AS Rom, FC Chelsea, Real Madrid: Antonio Rüdiger (32) war nur bei den größten Clubs Europas beschäftigt. Gut, der VfB ist zumindest auf dem Weg dorthin. Vor dem Aufeinandertreffen seiner beiden Ex-Clubs aus Stuttgart und Rom in der Europa League (Donnerstag, 21 Uhr) schätzt der Nationalspieler die Lage ein.
Antonio Rüdiger, Sie kommen aus den Schlagzeilen nicht heraus. Wechselgerüchte, Super-Cup in Saudi-Arabien, davor Ihr Charity-Besuch in der afrikanischen Heimat Ihrer Mutter. Wahrscheinlich ist das normal, wenn man als deutscher Nationalspieler bei Real Madrid unter Vertrag steht. Da herrscht nie Ruhe, oder?
Da sagen Sie was! Aber die Reise durch Sierra Leone war definitiv kein Stress. Das habe ich extrem gerne gemacht und war mir deutlich lieber als der klassische Strandurlaub. Das gibt mir sehr viel Kraft.
Rein sportlich erleben Sie mit Real aktuell die stressigste und intensivste Phase der Saison. Bleibt da noch Zeit, sich anderen Dingen zu widmen – etwa der Europa League? Am Donnerstag treffen mit dem VfB und AS Rom zwei Ihrer Ex-Clubs aufeinander. Mit Antonio Rüdiger vor dem Fernseher?
Da wir nie parallel zur Europa League spielen und wenn die Kids im Bett sind, lasse ich den TV gerne nebenher laufen. Das Spiel werde ich mir dann schon anschauen.
Vor elf Jahren begann mit dem Wechsel vom nicht ganz unumstrittenen VfB-Talent in die Serie A Ihr Aufstieg bis hin zum Nationalspieler. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit?
Es war eine sehr intensive, aber auch lehrreiche Zeit. Auch wenn der Wechsel damals für viele überraschend kam, kann ich heute sagen, dass es für mich zum absolut perfekten Zeitpunkt kam. Die Herausforderung, sich in einem anderen Land in jungem Alter zurechtzufinden, hat mich extrem wachsen lassen. Und wir hatten damals bei der Roma eine unfassbar geile Mannschaft voller Topspieler. Ich komme immer sofort ins Schwärmen, wenn ich daran zurückdenke.
In Stuttgart hat Ihnen zum damaligen Zeitpunkt wohl kaum jemand eine derartige Karriere prognostiziert: Rom, Chelsea, Real Madrid. Inwieweit war die schwierige Zeit damals in Stuttgart Antrieb und Motivation für Sie?
Es war sicherlich kein Traumstart in die Karriere, daher wollte ich in einem neuen Land nochmal bei Null starten. Das tat mir dann extrem gut.
Ihre Erinnerungen an Stuttgart sind dennoch positiv?
Ich mag die Stadt heute noch extrem. Wenn ich in Deutschland nicht bei meiner Familie in Berlin bin, dann bin ich fast immer in Stuttgart. Ich habe heute dort immer noch viele Freunde. Und auch wenn die Situation mit phasenweise Abstiegskampf nicht so easy war, werde ich natürlich für immer dankbar sein, dass mich der VfB unter Bruno Labbadia damals zum Profi gemacht hat.
„Huub Stevens – was für eine Legende!“
Wer oder was hat Sie am meisten geprägt?
Man muss schon in frühen Jahren lernen, mit Druck umzugehen. Der VfB war damals weit von einer Spitzenmannschaft entfernt. Aber das Interesse am Verein war trotzdem riesig. Es war immer etwas Unruhe da. Das hat mich auf vieles für meine spätere Karriere vorbereitet. Natürlich aber auch meine Trainer. Von Bruno habe ich viel mitgenommen – und logischerweise auch von Huub Stevens – was für eine Legende! (lacht)
Von Stuttgart ging es 2015 nach Rom. Ein Kulturschock? Oder kann einen Berliner nichts erschrecken?
Vom Straßenverkehr war das nochmal next Level! (lacht) Aber auch die Liebe, die man von den Roma-Anhänger bekommen hat, war unglaublich. In Sachen Essen ist es logischerweise bis heute noch meine absolute Nummer eins. Ich war noch sehr jung und teilweise auf mich selbst gestellt – das war eine große Herausforderung, aber hat mich auch extrem wachsen lassen.
Ihre Liebe zum VfB und zur Roma – sind das pflichtschuldige Fußballer-Floskeln oder schlägt Ihr Herz nach so langer Zeit tatsächlich noch für die beiden Vereine?
Ich werde die Roma für immer in meinem Herzen tragen. Wie beim VfB bin ich heute noch mit vielen Spielern von damals in regelmäßigen Austausch. Von den aktuellen Spielern kenne ich logischerweise fast niemanden mehr persönlich. Das tut der Liebe aber keinen Abbruch.
Rüdiger in Diensten von AS Rom (2015-2017) Foto: imago/Insidefoto
Wie verhält es sich mit Chelsea?
Obwohl meine Chelsea-Zeit noch nicht so lange her ist, hat sich dort in der Mannschaft und auch im Verein fast alles verändert. In der Premier League schaue ich aber natürlich trotzdem immer zuerst auf die Blues. Chelsea war ebenfalls eine überragende Zeit. London ist auch eine großartige Stadt. Die Liste an Weltklassespielern, die ich Mitspieler nennen durfte, ist einfach nur sensationell. Darauf bin ich sehr stolz.
In welchem Land macht das Fußballspielen am meisten Spaß?
Das kann ich so allgemein nicht beantworten. Die Bundesliga hat sicherlich die besten Stadien, Italien war für mich perfekt als Verteidiger, um zu wachsen. Die Premier League war dann mein Kindheitstraum, den ich mir erfüllt habe. Und Real Madrid war dann irgendwie eine Stufe über dem Kindheitstraum, wovon ich nie ernsthaft gewagt habe, zu träumen.
Zurück zum VfB und zu Rom. Was für ein Spiel erwarten Sie am Donnerstag? Auf was müssen sich die Stuttgarter im Stadio Olimpico einstellen?
Auf eine hitzige Stimmung. Und ein Umfeld, das auch die Europa League komplett ernst nimmt. 2022, als sie die Conference League gewannen, haben auch die Fans gezeigt, wie wichtig ihnen internationaler Erfolg auch außerhalb der Champions League ist. Beide Teams werden gewinnen wollen, um noch unter die Top acht zu kommen.
„Ich mag Stuttgart heute noch extrem“
Was sticht bei der Mannschaft von Gian Piero Gasperini aktuell sportlich hervor?
Italiener sind bekannt dafür, sehr gut verteidigen zu können, aber die Roma macht das diese Saison besonders stark. In der Serie A haben sie die wenigsten Gegentore bekommen. Für mich gehören sie in der Europa League zum engsten Favoritenkreis.
Wie würden Sie den Club grundsätzlich charakterisieren?
Zu meiner Zeit war sicherlich noch einiges anders. Wir hatten einige internationale Topleute wie Mo Salah, Francesco Totti, Daniele de Rossi, Alisson Becker, Kostas Manolas und und und… Das Ziel war, auch national um den Titel mitzuspielen. Das ist im Moment etwas schwieriger, aber dennoch sind sie wieder auf dem Weg nach vorne. Die Champions-League-Quali ist auf jeden Fall möglich.
Was trauen Sie dem VfB in Rom zu – und im weiteren Verlauf der Europa League?
An einem guten Tag kann der VfB in der Europa League jede Mannschaft schlagen. Trotzdem gibt’s im Wettbewerb sehr viele Top-Mannschaften. Der VfB müsste wahrscheinlich in gleich zwei oder drei K.o.-Duellen über sich hinauswachsen, um ins Finale zu kommen. Aber ausgeschlossen ist es nicht.
Wem drücken Sie am Donnerstag die Daumen?
Ganz diplomatisch tippe ich natürlich auf ein Unentschieden (lacht). Ich hoffe, dass beide Mannschaften in die Top acht kommen. Das könnte zwar eng werden, aber schauen wir mal.
Glauben Sie an ein Wiedersehen mit Real Madrid und dem VfB in der kommenden Champions-League-Saison?
Wenn ich mir die letzten Spiele und die Tabelle so anschaue, sind die Top vier auf jeden Fall drin! Viele meiner DFB-Kollegen sind richtig gut in Form.
Werdegang
Antonio Rüdiger
wurde am 3. März 1993 in Berlin geboren. Rüdigers Mutter stammt aus Sierra Leone und floh vor dem Bürgerkrieg Anfang der 90er nach Deutschland. Sein Vater Matthias stammt ebenfalls aus dem afrikanischen Land und hat deutsche Wurzeln. Über diverse Berliner Vereine landete Antonio Rüdiger 2008 bei Borussia Dortmund. Von dort ging es zum VfB, zur AS Roma, zum FC Chelsea und 2022 zu Real Madrid, wo der Abwehrspieler seither unter Vertrag steht. Rüdiger hat 81 Länderspiele für Deutschland bestritten.




