Baden-Württemberg: Drohungen und Anzeigen: Wie die AfD ihre Kritiker bekämpft

Die AfD betont immer wieder die Meinungsfreiheit. Doch wie tolerant ist die AfD, wenn es um sie selbst geht? Eine SWR-Doku zeigt, mit welchen Methoden Kritiker bekämpft werden.
Von Theo Heyen , Marilina Görz y Moratalla
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Die AfD betont immer wieder die Meinungsfreiheit. Doch wie tolerant ist die AfD, wenn es um sie selbst geht? Eine SWR-Doku zeigt, mit welchen Methoden Kritiker bekämpft werden.
In der Öffentlichkeit lobt die AfD-Parteichefin Alice Weidel schon seit vielen Jahren den guten Umgang miteinander in der Partei. Von “wohltuender Streitkultur” ist da die Rede, von der AfD als Ort, “wo das Gut der Meinungsfreiheit und der freien Meinungsäußerung geschützt und gepflegt wird.”
Doch Recherchen für die SWR-Story “Inside AfD – Der Umgang mit Kritikern” zeichnen ein anderes Bild: Wer widerspricht, wer intern unbequeme Fragen stellt oder öffentlich Kritik übt, könne unter Druck geraten – in Parteigremien, als Journalist oder als normaler Bürger im Alltag. Die SWR-Story hat AfD-Insider, Zeitungsreporter und ein ganzes Dorf begleitet. Sie berichten von Drohungen, Einschüchterungsversuchen und Strafanzeigen.
“Inside AfD – Der Umgang mit Kritikern”
Die Doku des SWR “Inside AfD – Der Umgang mit Kritikern” ist am 7. Mai 2026 um 21 Uhr im SWR zu sehen und in der ARD Mediathek abrufbar.
AfD-Insider: “Sag nichts mehr! Kritisier nicht mehr!”
Dirk Spaniel war Bundestagsabgeordneter und Co-Landessprecher der AfD Baden-Württemberg. Ende 2024 hat er die Partei verlassen. Heute ist er Landesvorsitzender der Werteunion in Baden-Württemberg. Eine offene Kultur, sagt Spaniel in der SWR-Story, existiere in der AfD praktisch nicht. Kritik werde sofort als “parteischädigend” etikettiert und mit Drohungen, Abmahnungen und Parteiausschlussverfahren beantwortet. Er selbst habe massive Drohungen erhalten, ihm seien sogar Prügel angedroht worden.
Karin Pütz war Vorsitzende der Landesschatzmeisterkonferenz der AfD in Baden-Württemberg. Der Landesverband will sie aus der Partei werfen. Doch sie wehrt sich dagegen. “Nach außen stellt man sich hin, als sei man offen und rede über alles und wir sind demokratisch, aber innerparteilich läuft das anders ab”, erklärt sie in der SWR-Doku. Zunehmend sei es autoritärer geworden: “Sag nichts mehr! Kritisier nicht mehr!” Die Partei wirke “sektenartig”, sagt sie vor der Kamera.
AfD-Mitglieder prangern eigenen Landesverband an
Mit vier weiteren AfD-Mitgliedern aus Baden-Württemberg hat die Ex-Schatzmeisterin Anfang März 2026 einen Brandbrief an den Bundesvorstand der AfD verfasst. Auf sechs Seiten prangern sie den Landesverband Baden-Württemberg an. Dort gebe es “autokratische Herrschaftsallüren”, einen “Abbau der innerparteilichen Demokratie” und Parteiausschlussverfahren als Methode, um unliebsame Mitglieder loszuwerden. Jahrelang habe man auf Missstände hingewiesen – doch eine Antwort, sagt Unterzeichnerin Karin Pütz, sei nie gekommen. Der AfD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, Emil Sänze, erklärt gegenüber dem SWR, das Schreiben sei “inhaltlich nicht belastbar”. Der Vorstand arbeite “rechtskonform, satzungsgemäß und transparent”.
Auch Günther Schöttle, noch vor einem Jahr Kreis-Parteichef in Calw-Freudenstadt, beschreibt in der SWR-Story “Inside AfD” ein System, das ihn zum Austritt bewogen habe. So habe auf einem Parteitag der bloße Verdacht genügt, zu einer missliebigen Strömung zu gehören, um jemanden “abzuservieren”. Den blanken Hass habe er innerhalb der AfD mehrfach erlebt.
Die AfD und die Pressefreiheit
Doch auch wer über die AfD berichtet, kann ins Visier geraten: Das erlebt Alexander Roth seit Jahren. Der Lokalredakteur des Zeitungsverlags Waiblingen erhielt im Internet explizite Drohungen – von der “Kugel in den Kopf” bis zu Folter- und Lagerfantasien. Zeitweise war der Reporter nur mit Polizeischutz unterwegs. Heute, sagt Roth, seien die Anfeindungen subtiler, aber gerade dadurch noch bedrohlicher. Die AfD halte er deswegen für gefährlich, weil AfD-Politiker ihn in den sozialen Medien mit ihren Kommentaren zur Zielscheibe machten.
Im Oktober 2025 hatte der AfD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Münzenmaier seine Anhänger auf Instagram aufgefordert, das Abonnement der “Allgemeinen Zeitung” in Mainz zu kündigen: “Sorgen wir dafür, dass dieses Lügenblatt pleitegeht”, äußerte er. Der Politikwissenschaftler Markus Linden der Uni Trier bezeichnet das in der SWR-Story “Inside AfD” als einmaligen Fall in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Subtext sei, so Linden, unmissverständlich: Wer an die Macht komme, könne unliebsame Medien verbieten. Der Verlag erklärt, man habe inzwischen Auskunftssperren für die Privatadressen und Autokennzeichen ihrer Reporter beantragt. Man habe Informationen aus dem AfD-Umfeld erhalten, denen zufolge es Versuche geben soll, über fingierte Verkehrsunfälle an Privatadressen zu gelangen.
Datenanalyse: Die AfD und die Grundrechte
Wie die AfD zu Meinungsfreiheit und ganz allgemein zu Grundrechten steht, ist nun auch wissenschaftlich untersucht worden. In einer umfangreichen Datenanalyse hat der Kommunikationswissenschaftler Pascal Jürgens von der Universität Trier insgesamt 17.000 Beiträge führender AfD-Politiker in den sozialen Medien aufgelistet und mit den Grundrechten des Grundgesetzes abgeglichen. Die Beiträge stammten unter anderem von Alice Weidel, Markus Frohnmaier oder Jan Bollinger. Der Befund von Jürgens: Die Partei differenziere systematisch, wem Grundrechte zustünden und wem nicht. Im Zentrum der Anfeindungen seien Migranten und alle, die aus Sicht der AfD als politisch links eingestuft würden, von Journalisten bis hin zu Politikern.
Karin Pütz, die Ex-AfD-Schatzmeisterin aus Baden-Württemberg beschreibt in der SWR-Story, wie sich Menschen, mit denen sie früher reden konnte, binnen zwei Jahren verändert hätten. Die ständige Agitation in den sozialen Medien durch die AfD sei “eine unfassbare Hetze”.
Bürgermeister: Strafanzeigen sollen mundtot machen
Der Konflikt mit Parteikritikern findet nicht nur im virtuellen Bereich statt. Wie sich der Streit im Alltag eines Dorfes anfühlt, zeigt die SWR-Story am Beispiel von Gauersheim, einem 650-Einwohner-Dorf im Donnersberg-Kreis in Rheinland-Pfalz. Im Sommer 2025 hatten AfD-Anhänger dort eine Kneipe übernommen und als “Treffpunkt Nordpfalz” zum Parteilokal umfunktioniert. Eine Bürgerversammlung von AfD-kritischen Einwohnern wurde von mehreren Dutzend AfD-Anhängern gestört.
Der parteilose Bürgermeister Reinhard Schlesser sagt, gerade ältere Bewohner seien eingeschüchtert worden – genau das sei der Zweck gewesen. Seitdem die AfD in Gauersheim aktiv ist, habe sich der Ton verschärft, sagt Schlesser. Die AfD attackiere ihn mit Anzeigen und Anwaltsbriefen – zuletzt, weil er ein AfD-Plakat für einen Geschwindigkeitswarner umgehängt hatte. Reiner Schlesser berichtet, dass er seine Anwaltskosten alleine tragen müsse: “Das ist ja auch da die Taktik von der Partei […], die Gegenpartei hat auf jeden Fall Kosten. Und wird allein damit über die Kosten tot gemacht. Oder mundtot gemacht.”




