Conference League: Der Finalis Rayo Vallecano ist selbst Punks zu schmuddelig

Der ebenso charismatische wie chaotische Verein aus Madrid operiert unter ärmlichen Bedingungen. Die Anhänger unterstellen dem Präsidenten eine Strategie des absichtlichen Verfalls.
Florian Haupt, Barcelona27.05.2026, 05.30 Uhr
Rayo Vallecano verdankt seinen Namen dem Arbeiterviertel Vallecas – mit einem Pro-Kopf-Jahreseinkommen von knapp 23 000 Euro ist es noch heute das ärmste Viertel Madrids.
Alberto Gardin / Getty
Das Piratenleben sei das beste Leben, skandieren die Anhänger von Rayo Vallecano in ihrem beliebtesten Fan-Lied. «Ohne Arbeiten und ohne Studieren», immer «eine Flasche Rum in der Hand» und «in jedem Hafen eine Frau». Wie Seeräuber verstehen sich die Fans des Madrider Stadtteilklubs als Gegenentwurf zum Establishment.
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Doch nun ist ihr Fussballklub für einen Abend plötzlich selbst Teil der Glitzerwelt: Am Mittwoch trifft Rayo im Final der Conference League in Leipzig auf Crystal Palace.
Wie die Engländer sind die Madrilenen alles andere als Stammgäste in den europäischen Wettbewerben. Zuvor waren sie ein einziges Mal – vor 25 Jahren und dank einer Wild Card via Fairplay-Wertung – dabei gewesen. 2013 hätte sich Rayo sportlich zwar qualifiziert, aber der europäische Fussballverband Uefa untersagte die Teilnahme wegen eines laufenden Konkursverfahrens. Knapp bei Kasse zu sein, war für Rayo immer typischer als sportlicher Erfolg.
Streit zwischen den Anhängern und dem Präsidenten
«Bei Rayo Vallecano sind wir Spezialisten darin, etwas aus Ruinen aufzubauen», sagt der junge Trainer Íñigo Pérez und meint das so wörtlich wie durchaus sarkastisch. Denn die Infrastruktur des Klubs mit dem viertkleinsten Budget der spanischen Liga ist so schlecht, dass sich die Spieler diese Saison mit einer öffentlichen Protestnote an ihre Gewerkschaft richteten. Unter anderem konnten sie drei Monate lang nicht auf dem Vereinsgelände trainieren. Im Stadion fiel gegen Barcelona die Elektrizität und damit der Videoschiedsrichter aus, eine Ligapartie gegen Oviedo musste im Februar wegen Unbespielbarkeit eines neu verlegten Rasens abgesagt, das Derby gegen Atlético ins benachbarte Leganés verschoben werden.
Gilt in Spanien mittlerweile als grosses Trainertalent: der Rayo-Coach Íñigo Pérez.
Europa Press / Getty
Wo in der Kurve die Piraten regieren, herrscht auf der Führungsetage oft das pure Chaos. Nicht zuletzt verhöhnt das Vereinsleben die landläufige Vorstellung, dass für Erfolg gerade in kleineren Klubs alle an einem Strang ziehen müssen. Rayo lebt seit über einem Jahrzehnt in einem stets mindestens kalten, oft aber heissen Krieg zwischen Präsident Raúl Martín Presa und der Anhängerschaft. Einigkeit gibt es allenfalls in der Feststellung, dass man überhaupt nicht zueinander passt.
Die Fans sind so betont links und Anti-Mainstream, dass Rayo gern als «St. Pauli Spaniens» bezeichnet wird. Wie der Hamburger Kiezklub ist auch Rayo eng mit seinem Viertel verbunden. Allerdings handelt es sich bei Vallecas nicht um eine Vergnügungsmeile, sondern um Madrids grösstes Arbeiterviertel. Der südöstlich der Innenstadt gelegene Bezirk wuchs durch die Einwanderung von Landarbeitern und Tagelöhnern, das Vereinswappen erzählt mit Harke und Heugabel von dieser Tradition. Auch heute noch ist Vallecas mit einem Pro-Kopf-Jahreseinkommen von knapp 23 000 Euro – die Hälfte des städtischen Durchschnitts – das ärmste Viertel Madrids.
Der Klub ist so etwas wie der Marktplatz dieses Viertels. Die Anhänger feiern Triumphe ihrer vielen sozialen Initiativen für arme Menschen oder gegen Mieträumungen kaum weniger enthusiastisch als die Tore ihrer Mannschaft. Und als der Verein während der Wirtschaftskrise vor fünfzehn Jahren vom Verschwinden bedroht war, marschierten auch die Spieler an Demonstrationen für seinen Erhalt mit.
Während jener Jahre übernahm Martín Presa günstig die Aktienmehrheit. Der zuvor wenig bekannte Geschäftsmann steht schon mit seinem gestriegelten Business-Look für eine ganz andere Herkunft. Seither fragen sich die Fans, weshalb die sowieso schon heruntergekommene Infrastruktur des Klubs immer weiter verkommt.
Selbst als die Liga während der Corona-Pandemie einen Deal mit dem Investor CVC aushandelte, der explizit für Investitionen in die Infrastruktur gedacht war, passierte in Vallecas: nichts. Bis heute habe «Rayo keinen einzigen Ziegel verlegt», stellte der Ligachef Javier Tebas fest.
Und so liegt das Estadio de Vallecas nicht nur an einer Strasse, die nach einem populären Fernsehclown aus den 1970er Jahren benannt ist: Fofó stammte aus dem Viertel und starb früh an Hepatitis. Es kommt manchen Besuchern auch wie ein schlechter Witz vor, und das liegt nicht einmal daran, dass es an einer Längsseite keine Tribüne hat; die Nachbarn schauen dort traditionell von ihren Balkonen zu.
Die Fans von Rayo Vallecano sind mit dem Klubpräsidenten Martín Presa höchstens darin einig, dass man überhaupt nicht zueinander passt.
Jean Catuffe / Getty
Als Lech Posen in der Vorrunde der Conference League im Stadion gastierte, verbreitete der polnische Klub ein Video von der Umkleidekabine und amüsierte sich dabei spöttisch über die «Fussballfolklore» in Gestalt von rostigen Duschen oder alten Handtüchern. Auch Rayos Fan-Sprecher Raúl Díaz beklagte in dieser Saison schon Zustände «wie in der Dritten Welt», der Top-Torjäger Álvaro García sagte, der Rasen sei «nicht einmal auf Amateurfussball-Niveau», und der Trainer Pérez bekannte öffentlich, dass ihn «Spielfeld und Stadion beschämen».
Dass die Uefa diese Arena für die Conference League zuliess, gilt in Vallecas als eines der vielen Wunder dieser Saison. Dabei sollen die Inspektoren bei ihrem Besuch im Sommer sogar Pizzareste in der Umkleidekabine vorgefunden haben, die noch vom letzten Match der vergangenen Saison übrig geblieben waren.
Online ein Ticket kaufen? Leider nicht möglich
Dem Präsidenten Presa unterstellt man eine Strategie des absichtlichen Verfalls, um einen Weggang aus dem kleinsten Erstliga-Stadion Spaniens (14 700 Zuschauer Fassungsvermögen) anderswohin in Madrid zu provozieren. Doch für die Fans würde ein Auszug aus Vallecas das Ende der Verwurzelung eines Vereins bedeuten, dessen Ausbluten sie generell beklagen: Die Frauenabteilung, früher eine der besten Spaniens und mehrmaliger Meister, stieg ab, die zweite Mannschaft und die Jugendteams ebenfalls. Und statt dass das spezielle Image des landesweit populären Klubs modern vermarktet würde, kann man bei Rayo nicht einmal online ein Ticket kaufen.
Bei Rayo Vallecano ist der Anti-Mainstream Programm: Der Stürmer Sergio Camello lässt ein aus der Zeit gefallenes Roberto-Baggio-Zöpfchen von seiner Mähne baumeln.
Alejandro Matias / Imago
Sogar punkigen Fans ist das zu viel Schmuddel. Doch nun war es ausgerechnet Rayo, das Spanien durch seine Erfolge einen fünften Champions-League-Platz für die nächste Saison bescherte. Selbst verpasste der Klub mit dem achten Tabellenplatz den neuerlichen Einzug in die Conference League nur um einen Punkt, schaffte aber den sechsten Klassenerhalt nacheinander, ein Novum in der Vereinsgeschichte. Erstaunlich souverän trotzte eines der ältesten Kader des Kontinents – 28,8 Jahre im Durchschnitt – der ungewohnten Doppelbelastung.
Viel Verdienst gebührt Íñigo Pérez, der im Februar 2024 den Trainerposten übernahm. Eigentlich hatte er seinen früheren Chef Andoni Iraola im Sommer zuvor zum Premier-League-Klub Bournemouth begleiten wollen, doch die britische Bürokratie gab ihm keine Arbeitserlaubnis, weil sie ihm keine besonderen Qualifikationen attestierte. Nun gilt Pérez, 38, längst als eines der grössten Trainertalente Spaniens. Es ist gut möglich, dass er nach dem Final zu einem grösseren Klub wechseln wird, zumal angesichts der Arbeitsbedingungen bei Rayo. «Hier braucht man ein anderes Energielevel», sagt er.
Zu den weiteren Faktoren des unwahrscheinlichen Erfolgs zählen die kluge Transferpolitik des Sportdirektors David Cobeño – und der rebellische, solidarische Geist einer Mannschaft, die den Kampf ihres kleinen Klubs gegen die Verhältnisse verinnerlicht hat. Spieler von Rayo lassen auch in der Epoche ausrasierter Schläfen ein Roberto-Baggio-Zöpfchen von ihrer Mähne baumeln – so etwa der Stürmer Sergio Camello. Und sie beteiligen sich an Kollekten wie jener in dieser Woche. Nachdem Fans auf windige Angebote von vermeintlichen Finalreisen nach Leipzig hereingefallen waren, wurde ad hoc für ihre Entschädigung gesammelt. In Vallecas soll niemand allein bleiben.


