News US

Fußball-Bundesliga: Alarmstimmung vor Derby zwischen Köln und Gladbach

Denn 500 als „gewaltbereite Störer“ kategorisierte Leute sind auf beiden Seiten an fast jedem Wochenende dabei, wenn der FC oder die Borussia irgendwo kicken. Auf Nachfrage bestätigt ein Sprecher der Polizei Köln der F.A.Z., dass das Gefahrenpotential keinesfalls höher sei als bei früheren Derbys. Hinweise auf geplante Auseinandersetzungen oder Gewaltaktionen gebe es nicht. Und die erhöhte Anzahl von Einsatzkräften sei mit zwei Demonstrationen zu erklären, die am Samstag in der Innenstadt stattfinden.

Die in den vergangenen Tagen zu diesem Derby verbreiteten Aufregerschlagzeilen, die zumindest hintergründig suggerieren, dass eine neue Eskalationsstufe der Derbygewalt zu erwarten ist, führen damit wohl in die Irre. Im Hinspiel wurden bei ähnlicher Gefahrenlage zwei Busse beschädigt. Bei seiner Festnahme schlug einer der Täter einem Polizisten auf den Helm. Die Polizei Mönchengladbach zog eine „insgesamt zufriedenstellende Bilanz“.

„Der Druck auf mich steigt und steigt“

Und dennoch ist die Gesamtlage erheblich brisanter als in der Vergangenheit. Mehrere Innenminister wollen die Häufung der Grenzüberschreitungen beim Fußball, die mit der immer ungehemmter eingesetzten Pyrotechnik beginnen, die sich im Vandalismus fortsetzen und die gelegentlich in Gewaltorgien münden, nicht mehr dulden. Die Klubs, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) seien zu nachsichtig gegenüber Regelbrechern und Straftätern. „Der Druck auf mich angesichts des Verhaltens spezieller Fans und des Nichteingreifens des Fußballs steigt und steigt“, sagte Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) in dieser Woche im „Kicker“.

Nicht weil sich die Rivalität der Ultras untereinander verschärft hat, vielmehr ist das Verhältnis zwischen den Ultras auf der einen Seite sowie den Polizeien und Sicherheitsdiensten auf der anderen zunehmend angespannt. Seit einigen Monaten gibt es immer wieder Protestaktionen von Ultragruppierungen, die während ganzer Spiele schwiegen oder gar nicht erst ins Stadion kamen, weil sie sich unfair behandelt fühlten.

Auch die Ultras von Mönchengladbach lassen es regelmäßig knallen.AP

Nach einem solchen Vorfall beim Klassiker zwischen Dortmund und München vor zwei Wochen teilt das sozialpädagogische Fanprojekt des FC Bayern nach einem Polizeieinsatz mit: „Ein Vorgehen dieser Intensität und Undifferenziertheit gegenüber Fußballfans haben unsere langjährig erfahrenen Mitarbeitenden in dieser Form bundesweit bislang nicht wahrgenommen.“

Die Polizei gibt hingegen an, dass eine Gruppe von Störern ohne Ticket einen Einlass durchbrechen wollte. „Die reflexhafte Schuldzuweisung an die Polizei wirkt nach Ansicht der Videodaten, die wir auch in das Strafverfahren einbringen können und werden, mehr als befremdlich“, sagte der stellvertretende Dortmunder Polizeipräsident Achim Stankowitz. Immer öfter steht nach Vorfällen Aussage gegen Aussage.

Ruf nach zusätzlicher Überwachung  ist verstummt

Das verschärft den Kampf um die Deutungshoheit. Ein kurzes und aus dem Kontext gerissenes Filmchen, das einen mit Gummiknüppel agierenden Polizisten zeigt, hat ein enormes Empörungspotential. Genau wie die bloße Zahl von 64 verletzten Polizisten während eines Gewaltexzesses beim Zweitligaspiel Magdeburg – Dresden. Ermittelt wird dort wegen versuchten Mordes an Polizisten, was nach Ansicht der Fanhilfe Magdeburg „tendenziell eher Populismus“ darstellt.

Neu ist, dass die Fanhilfen mehr und mehr zu einem relevanten Faktor im System avancieren. Diese Einrichtungen – nicht zu verwechseln mit den völlig anders positionierten und mit Steuermitteln finanzierten sozialpädagogischen Fanprojekten – sind an einigen Standorten zum Sprachrohr der Hardliner aus den Kurven geworden.

„Mithilfe gefühlter Wahrheiten, haltloser Behauptungen und Drohungen machen die Innenminister Herbert Reul (CDU) und Armin Schuster (CDU) öffentlich Stimmung“, teilte der Dachverband der Fanhilfen in dieser Woche zu den schwierigen Verhandlungen mit, die seit der Innenministerkonferenz aus dem vorigen Dezember geführt werden.

Das große und auch weiterhin gültige Argument der Fanhilfen: Jenseits einzelner Vorfälle sind Stadionbesuche in den vergangenen Jahren laut den Erhebungen der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze der Polizei kontinuierlich sicherer geworden. Das Problem werde überhöht. Auch vor diesem Hintergrund werden etliche Law-and-Order-Vorschläge von Politik und Polizei im Moment tatsächlich nicht weiterverfolgt.

„Das war ein sehr vermittelnder Vorschlag“

Der Ruf nach zusätzlicher Überwachung in den Stadien und nach personalisierten Tickets ist verstummt. Selbst die Stadionverbotsverfahren sollen entgegen ursprünglicher Vorschläge weiterhin unter Beteiligung der Vereine durchgeführt werden. „Das war ein sehr vermittelnder Vorschlag von DFB und DFL, dem haben wir uns angeschlossen“, sagte Schuster.

Allerdings wurde kürzlich ein Entwurf der künftigen Regeln für die Stadionverbotsverfahren geleakt, demzufolge das Erlassen von Stadionverboten künftig schneller und in der Praxis doch unter Umgehung der an den meisten Standorten bewährten lokalen Stadionsverbotskommissionen möglich sein soll. Die Innenminister „verweigern sich dem Dialog und der versprochenen Transparenz“, sagte Danny Graupner vom Dachverband der Fanhilfen.

Zugleich werfen Funktionäre aus den Vereinen und Verbänden hinter vorgehaltener Hand den Fanvertretern vor, dass es nicht möglich sei, mit den in diesen Fragen hochrelevanten Anführern der Ultras zu verhandeln. Zu hören ist sogar, dass Leute aus den Szenen, die sich auf der Suche nach Kompromissen an Gesprächsformaten beteiligten wollen, innerhalb der Ultrastrukturen als Frevler verurteilt und so zum Schweigen gebracht werden.

Irgendwo zwischen den politischen Kräften und den Fanszenen agieren die Verbände DFB und DFL, die in der aktuellen Stadionverbotsdebatte offenbar eine Lösung anstreben, die die an den meisten Standorten gut funktionierenden lokalen Stadionsverbotskommissionen stärken soll. Zum Ärger der Innenminister. In dieser Woche berichtete der Hamburger Innensenator Andy Grote auf der Sportministerkonferenz, es sei dazu „sehr kritisch diskutiert“ worden. Doch leider habe „die DFL einen Beschluss gefasst, der den letzten Weg zu einem Konsens bei der neuen Stadionverbotsrichtlinie nicht mitgeht“.

Grote warnte vor einem „Kipppunkt“. Die Fanszenen protestieren, und die Verbände sowie die Klubs suchen einen Mittelweg. Ausgang offen. Klar ist nur: Wenn die 1000 gewaltbereiten Störer aus Köln und Mönchengladbach am Samstag für Bilder der Gewalt sorgen, liefern sie frische Argumente für Politiker, deren Positionen sie eigentlich bekämpfen.

Related Articles

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Back to top button