Viertelfinale im DFB-Pokal: Warum der FC Bayern den Abstand zu RB Leipzig noch vergrößert hat

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Nach dem verlorenen Pokalfinale 2019 wollte RB Leipzig eigentlich den FC Bayern herausfordern. Vor dem Viertelfinalduell am Mittwoch sind die Kräfteverhältnisse eindeutig – und die Münchner klarer Favorit.
Ralf Rangnick hatte an jenem Abend nicht wirklich gute Laune. Zu deutlich das Ergebnis im DFB-Pokalfinale am 25. Mai 2019, als RB Leipzig gegen den FC Bayern (0:3) verlor. Der Allesmacher und Projektleiter Rangnick hatte davon geträumt, in seinem letzten Spiel als Cheftrainer zum zehnjährigen Vereinsbestehen sein “Lebenswerk” mit dem ersten Titel zu krönen.
Aber: Der durch den Red-Bull-Konzern stark gemachte Emporkömmling zerschellte im vollbesetzten Olympiastadion an der Übermacht der Münchner, die trotz der ersten Unstimmigkeiten unter Trainer Niko Kovac souverän das Double holten. Zu groß die individuelle Klasse eines Manuel Neuer, David Alaba, Tiago, Thomas Müller und Robert Lewandowski, die den langjährigen Rangnick-Vertrauten um Peter Gulacsi, Willi Orban, Lukas Klostermann, Emil Forsberg und Yussuf Poulsen die Grenzen aufzeigten.
Erwartungen unter Julian Nagelsmann haben sich nicht erfüllt
Dennoch war die Stimmung auf der Pokalparty der Sachsen später gar nicht so schlecht. Tenor: Unsere Zeit als Herausforderer wird noch kommen. Mit langem Vorlauf war schließlich Julian Nagelsmann als großes Trainertalent von der TSG Hoffenheim verpflichtet worden. Bei der Vorstellung des damals 30 Jahre alten Hoffnungsträgers sollte RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff erklären: “Jetzt stehen wir vor einer neuen Zeitrechnung. Wir sind heiß auf mehr. Wir haben Blut geleckt beim Pokalfinale und wollen in der Bundesliga angreifen.”
War 2019 im Finale nicht zu halten: Bayern-Torjäger Robert Lewandowski
Nagelsmann ergänzte mit dem Verweis auf seinen Vierjahresvertrag, es sei genügend Zeit, “etwas Blechernes” zu holen. Ganz so lang war der gemeinsame Weg nicht, weil sich der heutige Bundestrainer nach zwei Jahren in Richtung München verabschiedete. Wenn sich nun der FC Bayern und RB Leipzig im DFB-Pokalviertelfinale wiederbegegnen (Mittwoch 20.45 Uhr/Live im Ersten), ist die Lücke nicht geschlossen.
Im Gegenteil. Die 15 Punkte Abstand in der Tabelle zwischen Branchenprimus und Brauseklub spiegeln die sportlichen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse gut wider. Die Dose verleiht eben doch keine Flügel. Immerhin hat es für Leipzig zu den Pokalsiegen 2022 und 2023 gereicht.
Ole Werner rechnet sich etwas aus
RB-Trainer Ole Werner gab sich auf der Pressekonferenz am Cottaweg am Dienstag angriffslustig. “Keiner rechnet damit, dass wir als Sieger vom Platz gehen, aber wir tun das schon – und das soll man auch auf dem Platz sehen.” Jeder werde “nach der Saison, die sie bisher spielen, davon ausgehen, dass sie das Spiel für sich entscheiden”, sagte der 37-Jährige, der aber daraus auch eine Chance ableiten wollte.
Sein Ensemble, zuletzt mühsam beim 1. FC Köln (2:1) siegreich, fühle sich als Außenseiter ganz wohl und Werner wollte die beiden Lehrstunden in der Liga (0:6, 1:5) nicht überbewerten. “Ich habe nicht das Gefühl, dass man meine Mannschaft aufrichten muss, sondern dass wir aus dem Rückspiel viele positive Elemente mitnehmen können.” Er glaube nach wie vor an seine Spieler, “die den Bayern wehtun können”.
Bayern wartet seit sechs Jahren auf Pokalsieg
Der betont nüchterne Norddeutsche hat es nach der von Irrungen und Wirrungen geprägten Vorsaison ohne Europapokalteilnahme geschafft, ein durchaus talentiertes Team wieder auf Kurs zu bringen. Wenn nicht der Pokal wieder das Tor nach Europa öffnet, dann die Liga.
Der Favorit ist für den Pokal enorm motiviert. Zu lange haben die Bayern ums Endspiel einen Bogen gemacht. “Es ist klar, es geht ums Ganze. Wir sind sechs Jahre nicht in Berlin gewesen. Das heißt, wir haben Nachholbedarf”, sagte Vorstandschef Jan-Christian Dreesen.
Sportvorstand Max Eberl äußerte sich ganz ähnlich: “Wir waren jetzt schon lange, lange nicht mehr in Berlin gewesen. Jetzt hast du ein Viertelfinale zu Hause mit zwei Mannschaften, die vielleicht momentan nicht ganz ihr Top-Niveau haben. Es wird ein spannendes Spiel.” Der letzte von bisher 20 Pokalsiegen gelang den Bayern mitten in der Corona-Pandemie unter Hansi Flick im fast menschenleeren Olympiastadion 2020 gegen Bayer Leverkusen (4:2).
Danach scheiterte der Rekordpokalsieger allein dreimal in der zweiten Runde, blamierte sich zwischenzeitlich bei Holstein Kiel oder dem 1. FC Saarbrücken. Doch insbesondere nach dem souveränen Vortrag im Topspiel gegen Hoffenheim (5:1) deutet wenig darauf hin, dass sich das Team von Trainer Vincent Kompany wieder eine solche Blöße gibt.
Ligapräsident Hans-Joachim Watzke erklärt die Kluft
Zur nationalen FCB-Dominanz hatte sich kürzlich erst Hans-Joachim Watzke auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) geäußert. Die Tendenz sei klar, dass der FC Bayern in den “meisten Jahren” die Trophäen abräume, sagte der langjährige Vorstandschef von Borussia Dortmund, der allerdings vor der versammelten Prominenz im Frankfurter Palmengarten daran erinnerte, dass Bayer Leverkusen ja immerhin 2024 in die Phalanx eingebrochen sei, “und wenn mein Klub unglücklicherweise nicht in letzter Minute das Ding noch vergurkt hätte, wäre Bayern München 2023 und 2024 nicht deutscher Meister geworden”.
Für Watzke hätte sich der Branchenprimus “über viele Jahre durch extrem gute Strukturen – in Bayern ist es natürlich manchmal auch schöner und ertragreicher – mit vielen guten Entscheidungen, mit überragenden Protagonisten diesen Vorsprung erkämpft. Und den muss man nicht immer kleinreden.” Als er im Kindesalter zum Fußball gekommen sei, habe ihn die Zuneigung zum BVB trotz fehlender Titelchance gefesselt: “In den 70er und 80er Jahren gab es fast keinen Verein, der so weit entfernt von der deutschen Meisterschaft war wie Borussia Dortmund.” Aber kann sich ein Verein wie RB Leipzig damit trösten?




