Neuer Name “Finale um Bronze”: Spiel um Platz drei – viel Historie, wenig Bedeutung

Das Spiel um Platz drei löst seit jeher die Sinnfrage aus. Dabei hat das Spiel große Momente gehabt und bekommt bei dieser WM einen neuen Namen.
Bis zur WM in Katar hieß das Spiel um Platz drei genau so: Spiel um Platz drei. Bei der WM 2026, bei der FIFA-Präsident Gianni Infantino die 104 Partien der größten Weltmeisterschaft der Geschichte als “104 Super Bowls” bezeichnete, bekommt das Duell einen neuen Namen: “Finale um Bronze”. Es ist der Versuch, dem Spiel im Sinne olympischer Medaillen mehr Bedeutung zu verleihen.
Doch die Partie, die das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” einst als “Spiel um die bronzene Ananas” bezeichnete, steht seit jeher in der Kritik.
Tuchel: “Keiner von uns will dieses Spiel”
Das 103. der 104 WM-Spiele, das in Miami stattfindet, ist das unbeliebteste, denn es ist das Duell der Enttäuschten. “Keiner unserer Spieler und keiner der französischen Spieler will dieses Spiel bestreiten. Sie wollten ins Finale”, sagte Englands Trainer Thomas Tuchel nach der Niederlage gegen Argentinien. Er fügte hinzu: “Aber wir werden das professionell angehen.”
Thomas Tuchel: “Wir werden das professionell angehen.”
Mehr als sechs Wochen sind die Spieler unterwegs. Gerade nach dem Verpassen des vielleicht größten Moments überhaupt wollen viele einfach nach Hause, statt das “Finale um Bronze” zu spielen. “Das Spiel sollte niemals gespielt werden”, sagte der niederländische Trainer Louis van Gaal bei der WM 2014. “Das Schlimmste ist, dass man dadurch eine WM mit zwei Niederlagen nacheinander beenden könnte.”
Brasilianische Spieler beim Spiel um Platz drei 2014 auf der Bank
Das beste Beispiel dafür gab es 2014. Brasiliens Team lag nach dem demütigenden 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland schon am Boden und musste gegen die Niederlande noch einmal auf die Bühne, um wiederum ein 0:3 zu kassieren.
WM
Spiel um Platz drei
Ergebnis
2026
Frankreich – England
?
2022
Kroatien – Marokko
2:1
2018
Belgien – England
2:0
2014
Brasilien – Niederlande
0:3
2010
Uruguay – Deutschland
2:3
2006
Deutschland – Portugal
3:1
2002
Südkorea – Türkei
2:3
1998
Niederlande – Kroatien
1:2
1994
Schweden – Bulgarien
4:0
1990
Italien – England
2:1
1986
Belgien – Frankreich
2:4 n. V.
1982
Polen – Frankreich
3:2
1978
Italien – Brasilien
1:2
1974
Brasilien – Polen
0:1
1970
Uruguay – Deutschland
0:1
1966
Portugal – Sowjetunion
2:1
1962
Chile – Jugoslawien
1:0
1958
Deutschland – Frankreich
3:6
1954
Österreich – Uruguay
3:1
1950
nicht ausgetragen
–
1938
Brasilien – Schweden
4:2
1934
Deutschland – Österreich
3:2
1930
nicht ausgetragen
–
Spiel kann Begeisterung auslösen
In anderen Fällen kann das Spiel aber durchaus Begeisterung auslösen, auch wenn seine sportliche Bedeutung klein ist. 2022 hatte Marokko nach einer starken WM noch einen weiteren großen Auftritt, den die Spieler sichtlich genossen. Das galt auch für Gegner Kroatien, der nach dem WM-Finale 2018 vier Jahre später erneut das Halbfinale erreicht hatte. 2002 hatte das Spiel für die Türkei und Südkorea durchaus Relevanz.
Doch was gewonnen: Kroatiens Spieler feiern ihre Bronzemedaille 2022.
Für die großen Fußballnationen ist das Spiel oft missliebig, aber auch Deutschland spielte als Gastgeber 2006 noch einmal vor heimischem Publikum und bekam dadurch zumindest einen versöhnlichen Abschluss des Turniers. Auch ist es eine Gelegenheit, den weniger berücksichtigten Spielern noch eine Partie beim Turnier zu ermöglichen. Ersatztorwart Oliver Kahn kam so bei der WM 2006 im Spiel um Platz drei gegen Portugal noch zu seinem letzten Länderspiel.
Zum Abschied Bronze: Oliver Kahn nach dem Spiel um Platz drei 2006
Deutschland ist WM-Rekorddritter. Sepp Maier überließ im Spiel um Platz drei bei der WM 1970 freiwillig den Platz für Horst Wolter. “Horst, ich bin platt. Willst du beim Spiel um Platz drei in den Kasten?”, habe Sepp Maier ihn gefragt, erzählte Wolter bei “11 Freunde”.
Horst Wolter (in grün) in der Startelf beim Spiel um Platz drei 1970
Ansonsten geht es natürlich auch ums Geld: Die FIFA hat ein weiteres Spiel, das sie vermarkten kann. Und für den Verband des siegreichen Teams gibt es 29 Millionen US-Dollar Gesamtprämie, für den Verlierer 27 Millionen.
EM ohne Spiel um Platz drei
Bei Weltmeisterschaften ist das Spiel Tradition und in fast jedem Turnier ausgetragen worden. Bei der EM wird es seit Jahrzehnten nicht mehr ausgetragen, auch 2024 nicht. Letztmals wurde der dritte Platz bei einer EM 1980 in Italien ausgespielt, der Gastgeber unterlag der Tschechoslowakei im Elfmeterschießen.
Das bislang letzte Spiel um Platz drei einer EM zwischen Italien und der Tschechoslowakei 1980
Das Interesse am “kleinen Finale” war aber oft sehr gering, 1976 kamen weniger als 7.000 Fans zum Spiel des Gastgebers Jugoslawien und der Niederlande. Nach der EM 1980 änderte die UEFA den Modus. Ein Halbfinale wurde eingeführt, das Spiel um Platz drei abgeschafft. “Das Spiel wurde als nicht attraktiv erachtet und ist seitdem kein Teil der EURO mehr”, teilte die UEFA auf Anfrage der Sportschau mit. Außerdem hieß es mit Blick auf die Zukunft: “Es gibt keine Pläne, ein solches Spiel einzuführen.”
EM
Spiel um Platz drei
Ergebnis
1980
Tschechoslowakei – Italien
1:1, 9:8 i. E.
1976
Niederlande – Jugoslawien
3:2 n. V.
1972
Ungarn – Belgien
1:2
1968
England – Sowjetunion
2:0
1964
Ungarn – Dänemark
3:1 n. V.
1960
Tschechoslowakei – Frankreich
2:0
Unterschiedliches Vorgehen bei anderen Kontinentalmeisterschaften
In Südamerika wird bei der Copa América seit 1987 mit Unterbrechung ein Spiel um Platz drei ausgetragen. Dort lief es beispielsweise 2019 kontrovers: Argentiniens Lionel Messi sah gegen Chile nach einem Gerangel die Rote Karte. Argentinien gewann 2:1, Messi nahm die Bronzemedaille nach eigenen Angaben aus Protest nicht an. Auch 2024 gab es bei der Copa das Spiel. Beim Afrika-Cup wird das “kleine Finale” fast seit Gründung des Wettbewerbs dauerhaft ausgetragen.
Lionel Messi sieht im Spiel um Platz 3 der Copa America 2019 die Rote Karte
Beim Asien-Cup wurde 2019 der Modus geändert, das Teilnehmerfeld erhöht und erstmals seit 1968 kein Spiel um Platz drei ausgetragen. Dieser Modus hat auch 2024 und 2027 Gültigkeit. Beim Gold Cup in Nordamerika und bei der Ozeanienmeisterschaft wurde das Spiel unregelmäßig veranstaltet. Beim Gold Cup wurde zuletzt darauf verzichtet, auch beim Turnier 2025. In Ozeanien gewann 2024 Tahiti gegen Fidschi 2:1.



