Zu meiner Zeit kannte man die deutschen Spieler besser als heute

In seiner aktiven Karriere gewann der frühere Torwart Edwin van der Sar nahezu alles, was es im Fußball zu gewinnen gibt – nur Welt- oder Europameister wurde er nie. Im Vorfeld der WM 2026 haben wir den Niederländer mit den zweitmeisten Einsätzen für “Oranje” (130 Länderspiele) zu den Titelfavoriten befragt.
“Zu meiner Zeit kannte man die deutschen Spieler noch ein bisschen besser als heute”, meint Edwin van der Sar. Der 55-Jährige sieht das DFB-Team bei der WM in diesem Sommer nicht ganz vorne – auch England und seinem Heimatland Niederlande traut er den Gewinn des goldenen Pokals eher nicht zu.
Im Interview mit unserer Redaktion blickt Edwin van der Sar auf das XXL-Turnier in Nordamerika und erinnert an legendäre Duelle zwischen Holland und Deutschland. Zudem erklärt der Ex-Keeper, warum er die internationale Plattform “Tickets for Good” unterstützt.
Herr van der Sar, am 11.06. startet die größte Fußball-WM aller Zeiten: 48 Nationen werden in insgesamt 104 Spielen den Weltmeister ermitteln. Wie blicken Sie auf dieses Turnier und die Aufstockung der Teams?
Edwin van der Sar: Es ist ein neues Abenteuer – sowohl für die FIFA als auch für die teilnehmenden Nationen. Natürlich herrscht eine große Begeisterung in den kleineren Ländern, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Chance haben, eine Weltmeisterschaft zu spielen. Einige große Nationen haben es wiederum nicht geschafft, sich zu qualifizieren. Italien hätte eigentlich dabei sein sollen. Stattdessen feiern nun viele kleinere Fußballnationen ihr WM-Debüt.
Welche Nationen sind Ihrer Meinung nach die größten Titelfavoriten?
Ich denke, dass Brasilien als Rekordweltmeister immer ein Favorit auf den Titel ist. Frankreich hat bestimmt 24 fantastische Spieler auf allen Positionen, die Mannschaft ist also doppelt besetzt. Und natürlich ist mit den Spaniern zu rechnen – dank ihrer hohen Qualität und vor allem der starken Barcelona-Spieler.
Machen Sie es gerne konkret: Wer wird Weltmeister? Wer wird Vizeweltmeister? Und wer wird WM-Dritter?
Okay, Brasilien wird Dritter. Spanien erreicht das Finale. Und der Sieger der Weltmeisterschaft 2026 in den USA wird Donald Trump. Entschuldigung, ich meinte natürlich Frankreich (lacht).
“Zu meiner Zeit kannte man die deutschen Spieler noch ein bisschen besser als heute.”
Edwin van der Sar, der zwischen 1994 und 2008 das Tor der niederländischen Nationalmannschaft hütete
Was trauen Sie der deutschen Nationalmannschaft zu?
Zu meiner Zeit kannte man die deutschen Spieler noch ein bisschen besser als heute. Natürlich gibt es junge Spieler, die nachkommen, etwa Florian Wirtz oder Jamal Musiala. Der FC Bayern bringt immer wieder junge, vielversprechende Talente hervor, von denen einige bereits über internationale Erfahrung verfügen. Ich bin aber ein wenig skeptisch, ob die deutsche Nationalmannschaft wirklich um den Titel mitspielen kann.
Welches Duell mit der deutschen Nationalelf werden Sie nie vergessen – und warum?
Da kommt mir sofort die Begegnung bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal in den Sinn. In dem Gruppenspiel lagen wir mit 0:1 zurück, ehe Ruud van Nistelrooy kurz vor Schluss den Ausgleich erzielte. Aber das Spiel, das mir persönlich – als damals junger Erwachsener – am meisten in Erinnerung geblieben ist, war natürlich das Duell bei der EM 1988 in Deutschland. Marco van Basten ebnete mit seinem 2:1-Siegtreffer im Halbfinale in Hamburg den Weg für den ersten internationalen Titel der niederländischen Nationalmannschaft, nämlich den Gewinn der Europameisterschaft.
Was erwarten Sie diesmal von Ihrem Heimatland? Vor vier Jahren verlor man im Viertelfinale gegen Argentinien, bei der EM 2024 in Deutschland scheiterte die Mannschaft von Trainer Ronald Koeman im Halbfinale an England.
Das Erreichen der K.o.-Phase sollte natürlich möglich sein. Doch um weit zu kommen, fehlt den Niederländern meiner Meinung nach ein echter Mittelstürmer. Sie haben eine wirklich gute Mannschaft. Die Spieler werden langsam etwas älter, daher ist jetzt ihre Zeit gekommen. Für einige von ihnen ist die Chance, bei der Weltmeisterschaft zu glänzen, vielleicht schon etwas geringer. Das Viertelfinale ist wahrscheinlich ein realistisches Ziel, das sie sich setzen sollten.
Sie haben lange in England gespielt, sind eine ManUnited-Legende. Kann das Team um Harry Kane den “Three Lions” den ersten WM-Titel seit 60 Jahren bescheren?
Die Engländer haben viele junge Spieler. Ich denke aber nicht, dass sie derzeit über die stärksten Spieler verfügen. Thomas Tuchel wird England zum ersten Mal zu einer Weltmeisterschaft führen. Natürlich ist Harry Kane ein torgefährlicher Stürmer, der England helfen kann. Dennoch glaube ich, dass der englische Kader etwas zu dünn ist, um bei dieser WM wirklich Eindruck zu hinterlassen. Die England-Gruppe L mag auf den ersten Blick nicht schwierig sein, sie kann aber tückisch sein. Ghana und Kroatien könnten sich als Stolpersteine erweisen. Die Gruppe sollten die “Three Lions” aber schon überstehen.
Torwart-Ikone drückt Manuel Neuer die Daumen
Welche Torhüter haben das Zeug zum Gewinn des “Goldenen Handschuhs”?
Eigentlich hätte ich Gianluigi Donnarumma gesagt, aber der hat sich ja nicht qualifiziert. Insofern hoffe ich, dass Manuel Neuer fit und in Top-Form ins Turnier gehen wird. Er bekommt nun doch seine letzte Chance, bei einer Weltmeisterschaft zu spielen – und ich freue mich darauf, ihn noch einmal zu sehen. Zudem sind die spanischen Torhüter immer interessant. Und Bart Verbruggen könnte für Holland eine wichtige Rolle spielen.
In Ihrer Karriere haben Sie fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Welcher Triumph hat für Sie den größten Stellenwert?
Es stimmt, ich habe viele Trophäen gewonnen, national und international. Mit meiner Nationalmannschaft habe ich nie etwas gewonnen. Ich habe ein paar Halbfinals bei Weltmeisterschaften und Europameisterschaften bestritten. Das ist also etwas, das in meiner Titelsammlung definitiv fehlt. Der wichtigste Titel war der Gewinn der Champions League 1995 mit Ajax, als wir im Halbfinale Bayern München und im Finale den AC Mailand besiegen konnten. Wenn wir aber über den Höhepunkt meiner Karriere sprechen, dann denke ich an meinen gehaltenen Elfmeter im CL-Finale 2008 in Moskau [Manchester United besiegte den FC Chelsea nach Elfmeterschießen; Anm. d. Red.].
Wie sehr schmerzt der fehlende Titel mit der “Elftal“?
Es ist schade. Im Halbfinale 1998 hatten wir die Chance, doch da verloren wir im Elfmeterschießen gegen Brasilien. Zwei Jahre später, bei unserer Heim-EM, standen wir erneut im Halbfinale. Nachdem wir schon in der regulären Spielzeit zwei Elfmeter verschossen hatten, scheiterten wir auch im Elfmeterschießen dreimal vom Punkt aus.
Was macht Edwin van der Sar heute?
Warum haben Sie sich nach Ihrer aktiven Zeit gegen eine Laufbahn als Trainer oder Manager entschieden?
Ich hatte die Gelegenheit, als Marketingleiter in die Führungsriege von Ajax Amsterdam einzusteigen. Und so habe ich nie wirklich daran gedacht, Trainer, Torwarttrainer oder Manager zu werden. Mein Weg führte also immer in die Führungsebene von Ajax, vielleicht ein wenig nach dem Vorbild des FC Bayern mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Sie haben beim FC Bayern eine fantastische Plattform geschaffen, um den Verein als Ganzes weiterzuentwickeln. Genau das haben wir bei Ajax versucht, auch mit Marc Overmars, Dennis Bergkamp, Wim Jonk oder Frank de Boer als Trainer. Und dabei waren wir sehr erfolgreich – mit mehreren Meistertiteln, dem Einzug ins Europa-League-Finale 2017 und ins Champions-League-Halbfinale 2019. Erst in der letzten Minute scheiterten wir damals an Tottenham. Hinzu kommt, dass wir die Förderung junger Spieler vorantreiben konnten – das war bei Ajax schon immer so.
Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer “Edwin van der Sar Foundation”?
Die Foundation haben meine Frau und ich 2009 gegründet, nachdem wir uns einer Gehirnuntersuchung unterzogen hatten. Wir haben gesehen, welche enormen Auswirkungen so etwas auf Familien haben kann. Und wir hatten das Glück, über die richtigen Kontakte in Krankenhäuser und in andere medizinische Bereiche zu verfügen, um anderen Menschen, die weniger Glück hatten, zu helfen. Wir wollen Betroffenen eine Plattform und die Möglichkeit bieten, damit sie wieder ein Leben auf höchstem Niveau führen können – durch Übungen und der Bereitstellung von Materialien, um zum Beispiel Schwimmstunden in Schwimmbädern anbieten zu können.
Aktuell unterstützen Sie zudem das Projekt “Tickets for Good”. Warum engagieren Sie sich für diese Plattform?
Auch bei “Tickets for Good” geht es darum, etwas zurückzugeben. In diesem Fall geht es vor allem um Pflegekräfte, die so viel für die Patientinnen und Patienten tun. Für mich war sofort klar, dass ich genau diesen Menschen helfen wollte. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, Konzerte, Fußballspiele oder Theateraufführungen zu besuchen. Denn wir alle sind auf Pflegekräfte angewiesen, wenn wir krank sind oder im Krankenhaus liegen. Danach geraten diese wertvollen Menschen jedoch manchmal schnell in Vergessenheit.
Ist der Fußball bereit für diese Innovation?
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Das ist in der Tat schwierig, weil viele Fußballspiele ausverkauft sind – ob in Deutschland oder in den Niederlanden. Und natürlich ist es bei Vorverkäufen für Konzerte oder Theateraufführungen etwas einfacher. Aber ich denke, das ist ein wirklich wichtiger Teil der sozialen Verantwortung, die ein Fußballverein hat – und zwar diesen Menschen, die in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen arbeiten, um anderen zu helfen, die Möglichkeit zu geben, ihre Helden fast umsonst spielen zu sehen.
Über den Gesprächspartner
- Edwin van der Sar ist ein ehemaliger niederländischer Fußballprofi. Als Torwart nahm er an drei Welt- und vier -Europameisterschaften teil. Über Ajax Amsterdam und Juventus Turin in den 90ern zog es ihn zu Beginn der 00er-Jahre nach England. In der Premier League spielte er zunächst vier Jahre lang für den FC Fulham, ehe er zwischen 2005 und 2011 das Tor von Manchester United hütete. Van der Sar gewann zweimal die Champions League: 1995 mit Ajax, 2008 mit ManUnited.
Über “Tickets for Good”
- “Tickets for Good“ ist eine internationale Plattform, die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, sozialen Einrichtungen und dem Ehrenamt Zugang zu kostenlosen und stark vergünstigten Tickets für Konzerte, Festivals, Sport- und Kulturveranstaltungen ermöglicht. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von Künstlerinnen und Künstlern wie Robbie Williams, Dua Lipa, Yungblud sowie Fußball-Legende Edwin van der Sar. Nach dem offiziellen Pre-Launch Ende April 2026 in Berlin startete “Tickets for Good” am 28. Mai offiziell in Deutschland.




